WBS-Gießen
Sie sind hier: WBS Gießen /
Drucken  Kontakt  Sitemap
10.12.2019 Alter: 241 days
Von: Gießener Anzeiger

Süß, aber anstrengend

Willy-Brandt-Schüler*innen beteiligen sich an Projekt "Baby-Bedenkzeit"


Landkreis Gießen: Willy-Brandt-Schüler beteiligen sich an Projekt "Baby-Bedenkzeit"

"Süß, aber anstrengend" lautete das Urteil, nachdem sich Willy-Brandt-Schüler an dem Projekt "Baby-Bedenkzeit" der Diakonie beteiligt hatten.

 

Waren mit Herzblut bei der Sache: die Schüler der Willy-Brandt-Schule mit Sandra Marx (4.v.l., hintere Reihe) und Astrid Mekelburg (2.v.r., hintere Reihe). Foto: Zielinski

KREIS GIESSEN - Mohammed Aldlimi (19) hat seinen Sohn "Emir" genannt: "So ein Baby ist ganz schön anstrengend. Fünf bis sechsmal pro Nacht musste ich aufstehen, weil es geschrien hat." Ähnliche Erfahrungen machten auch seine Mitschüler. "Baby-Bedenkzeit" heißt ein Projekt, mit dem die Grünberger Beratungsstelle der Diakonie seit 2006 Schulen, Konfirmandengruppen oder auch Einrichtungen für Behinderte besucht. Von Montag bis Donnerstag absolvierten 26 Schüler für medizinisch-technische und krankenpflegerische Berufe an der Willy-Brandt-Schule ihr "Elternpraktikum".

"Entstanden ist das Projekt aus der Überlegung, wie man ungewollten Schwangerschaften bei Teenagern, Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern vorbeugen kann", erklärt Astrid Mekelburg vom Diakonischen Werk, die die Schüler gemeinsam mit Klassenlehrerin Sandra Marx, Beate Schmitt-Pirker (Fachlehrerin Gesundheits- und Krankenpflege) sowie Sabine Jung (Sozialpädagogin) betreute.

Selbstverständlich kamen bei dem Projekt keine echten Babys zu Einsatz, sondern zehn lebensechte Simulatoren, die von den Schülern Tag und Nacht versorgt werden mussten. Dabei waren die programmierten Tagesabläufe denen echter Babys nachempfunden. Wenn die Puppe schrie, mussten die "Jungeltern" herausfinden, was sie brauchte. Hatte das Baby Hunger? Wollte es die körperliche Nähe von Mama oder Papa? Oder war die Windel voll? Das Baby konnte aber auch zufrieden glucksen, husten oder nörgeln.

Eingebauter Chip

Wurde es grob behandelt, sein Kopf nicht gestützt oder befand es sich in einer Lage, die es nicht mochte, fing es an zu schreien. "Ein eingebauter Chip ermöglicht die differenzierte Auswertung der Versorgung am Ende des Projektes. Die Teilnehmer erfahren dabei die vielfältigen physischen, psychischen, sozialen und auch finanziellen Anforderungen an Eltern", unterstreicht Mekelburg. "Ich konnte aber allen Teilnehmern ein positives Feedback geben."

Bevor der Kurs losging, galt es für die jungen Leute, sich Babykleidung und eine Trage auszuleihen sowie zwei Namen - einen weiblichen und einen männlichen - auszuwählen. Bei dem Projekt an der Willy-Brandt-Schule teilten sich zwei Schüler ein Baby, für das sie auch eine "Geburtsurkunde" bekamen. "Wer nicht mitmachen wollte, war Pate", erzählt Klassenlehrerin Sandra Marx. "Es war erstaunlich, wie schnell die Mädchen und Jungen in ihrer neuen Rolle drin waren. Einige der Schüler waren nicht wiederzuerkennen."

"Die plötzliche Fremdbestimmung ist für die jungen Leute am schwersten", weiß Astrid Mekelburg aus Erfahrung. Aus diesem Grund wurde gemeinsam Fragen wie "Was braucht das Baby, was man nicht kaufen kann?" und "Was brauchen die Eltern?" nachgegangen. Darüber hinaus erhielten die Jugendlichen Arbeitsaufträge, wie eine Erstausstattung auszuwählen, ein Säuglingszimmer einzurichten oder Babynahrung selbst zu kochen.

Dabei unterstützten sich die Teilnehmenden aus sieben unterschiedlichen Nationen gegenseitig. "Man braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen", lautet ein Sprichwort aus Eritrea. Das da etwas dran ist, merkten die Schüler sehr schnell. "Hilfe holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein", erklärt Astrid Mekelburg. Im Laufe des Projektes nannte sie Anlaufstellen, die bei Problemen kontaktiert werden können. Auch Verhütung war ein Thema.

"Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Baby?" Diese Frage sollten die Teilnehmer nach den vier Tagen für sich beantworten können. "In der Regel ist es so, dass sich die meisten jungen Leute entschließen, erst später als ursprünglich geplant Mutter oder Vater zu werden. Abgeschreckt wird aber bei uns keiner."

Baby geteilt

So war es auch bei den 26 Schülern der Willy-Brandt-Schule: "Süß, aber anstrengend" - lautete das allgemeine Fazit. Und: "So ein Baby bringt den Tagesablauf total durcheinander." Kimberly Sophie Barthoff und Jennifer Carolin Wittich (beide 18 Jahre) haben sich ein Baby namens "Jonas Keith" geteilt. Nachts sind beide abwechselnd aufgestanden, um das schreiende Baby zu betreuen. "Mal haben wir bei mir in Mücke, mal in Wißmar bei Jennifer übernachtet", berichtet Kimberly.

Am schlimmsten seien die Autofahrten gewesen. "Wir waren kaum fünf Kilometer gefahren, da hat Jonas Keith geschrien. Während Kimberly weitergefahren ist, habe ich die Windeln gewechselt", erzählt Jennifer. "Wenn man bei der Puppe nicht sofort die Windeln wechselt, bekommt man nämlich Abzüge bei der Bewertung."

Weniger gut fanden die Beiden, dass ihnen niemand geholfen hat, den Kinderwagen die Treppe hinunterzutragen, als der Aufzug am Elefantenklo kaputt war. Für Jennifer stand schon vor dem Projekt fest, dass sie keine eigenen Kinder haben möchte. Kimberly betont hingegen: "Ein echtes Baby zu betreuen, wäre mir lieber gewesen."

Der 19-jährige Mohammed berichtet: "Positiv war, dass mir in einem vollen Bus schon hin und wieder ein Platz angeboten wurde. Allerdings haben die Leute komisch geschaut, als sie gemerkt haben, dass in der Trage kein echtes Baby ist. Für mich steht fest, dass ich erst viel später ein eigenes Kind haben möchte. Erst möchte ich mal richtig reisen.

"Immer, wenn ich kurz vor dem Einschlafen war, hat ,Finja' geschrien", erzählt die 17-jährige Lea Schendera. "Es ist schon sehr anstrengend mit einem Baby. Meine Freundin hat es für ein echtes gehalten und war ganz schön überrascht. Für mich steht fest, dass ich vor dem 26. Lebensjahr kein eigenes Kind haben möchte. Erst möchte ich eine Arbeit finden."

Quelle: Gießener Anzeiger vom 01.12.2019 [link]

 

 

 

 


Willy-Brandt-Schule - Carl-Franz Straße 14 - 35392 Gießen - Tel. 0641.2646